Die Banker von Ziehers - Süd

von Arnulf Müller

Dr.-Kopp-Straße, Ziehers Süd. Wie ein geworfenes Lasso schwingt sich die Ringstraße durch gleichförmige Wohnblocks. Stadtplanung aus den 60ern. Der Abstand zwischen den vierstöckigen Zeilen ist weit, ausgedehnte Rasenflächen und ein stattlicher Baumbestand prägen das Areal der Wohnungsbaugesellschaft. Seit 22 Jahren wohnt Johann Dolheimer hier. Aufmerksam beobachtet er, was im Viertel geschieht.

„Anfangs war man zu beschäftigt, da trafen sich die Leute nicht. Mein Vater zum Beispiel war damals sechzig und noch berufstätig.“ Doch seit ein paar Jahren ist das anders. Vor allem die älteren Mieter zieht es verstärkt ins Freie, unter Leute eben. Wer nur aus dem Fenster schaut, vereinsamt.

Angefangen hat es am Verteilerkasten am Straßenrand. Warum gerade dort, weiß keiner mehr. Man traf sich zum zwanglosen Austausch: „Der eine kam, der andere ging“. Die Sache entwickelte sich, und weil man sich eine Menge zu sagen hatte, brachte der erste einen Stuhl mit. Dann der zweite, „und so fort und so fort“. Nun saß man zwar recht schön, aber die Stühle hin- und herzuschleppen, war beschwerlich.

Bereits damals schrieb Dolheimer einen Brief an den Bürgermeister von Fulda. Er regte an, eine Bank zu errichten, und legte eine Skizze mit einem möglichen Standort bei. Dazu muss man wissen, dass in den fünfzig Jahren seit Bestehen des Areals keine einzige Bank errichtet wurde. Tatsächlich findet Dolheimer ein Antwortschreiben im Briefkasten mit dem erfreulichen Hinweis, dass es dafür sogar ein Förderprogramm gebe. Allerdings müsse der Antrag von der Wohnstadt, dem Eigentümer der Flächen, gestellt werden. Damit das geschehe, wolle die Stadt selbst Kontakt mit der Wohnstadt aufnehmen.

Einige Zeit später trifft Dolheimer zufällig den Bauleiter der Wohnstadt. Dieser kennt zwar die Antwort vom Bürgermeister, er muss aber einräumen, das Schreiben verlegt zu haben. Dolheimer eilt in seine Wohnung und fertigt eine Kopie an, in der Hoffnung, dass es nun voran gehe. „Doch dann Stille, fast zwei Jahre lang.“

Egal. In der Zwischenzeit werden von den Anwohnern Fakten geschaffen. Dolheimers Vater und Onkel finden beim Sperrmüll eine reparaturbedürftige Bank und lösen das Problem provisorisch. Hauptsache, es steht etwas da. Ganz bewusst übrigens direkt an der Straße und nicht irgendwo im hinteren Teil des Geländes. Dort würden immer nur dieselben sitzen, und es geht ja ums Kennenlernen. Sie soll so stehen, dass jeder, der des Weges kommt, von ihr angezogen wird.

Irgendwann wird eine zweite Bank daneben gestellt. Und noch ein Stuhl. Später ersetzt ein stabileres Modell das klapprige Teil vom Sperrmüll. Mit Eisenpfeilern wird es in der Erde verankert. Doch die provisorische Anlage findet bei der Wohnstadt keinen Anklang. Ein Mitarbeiter informiert im Vorbeigehen eine Bewohnerin: „Das muss weg, es sieht nicht gut aus.“

Doch dazu kommt es nicht, im Gegenteil. Genau in diese Zeit fällt eine Begehung durch das Stadtteilbüro, bei der nach Möglichkeiten für eine Aufwertung des Viertels gesucht wird. Adriana Oliveira und Iryna Böhm, damals Praktikantin, heute Sozialarbeiterin, entdecken die Bank, erkennen ihren „Mehrwert“ und machen ein paar Fotos. Bald darauf sucht Iryna Böhm Dolheimer auf und kündigt an, dass sie alle wegen der Bank vorbeikommen wollen: der Bürgermeister, ein Vertreter der Wohnstadt, die Mitarbeiter vom Projekt „Soziale Stadt“.

Der Rest ist schnell erzählt: Bei einem Ortstermin wird von allen Beteiligten die Errichtung einer neuen, großen Bank befürwortet. Es wird ein Förderrahmen festgelegt für die Schreiner- und Metallarbeiten, für die Mosaikgestaltung sowie für Pflastersteine etc. Dabei ist klar, dass die Bewohner des Viertels nicht nur mit Hand anlegen sollen, sondern dass sie auch in Planung und Entwurf eingebunden sind. Es ist ihr Projekt und soll es auch bleiben.

So entsteht im Sommer 2017 in einer Gemeinschaftsaktion von Profis und Laien eine stattliche, massive Bank auf solidem Unterbau, auf der 15 Leute bequem Platz finden. Und die Wohnstadt, die anfangs skeptisch war, stellt nicht nur das Grundstück zur Verfügung. Sie finanziert gemeinsam mit der Stadt Fulda das Projekt und spendiert auch Bier und Würstchen für die Einweihungsfeier.

Inzwischen ist die Bank ein etablierter Treffpunkt, keineswegs nur für ältere. Die Leute vom Viertel sind enger zusammengerückt. Auf der Achse zwischen Lidl und Sparkasse wird hier Halbzeit gemacht, und abends kommen regelmäßig Besucher von den Blöcken weiter oben. Jeder kennt jetzt mehr Nachbarn als zuvor.

Es ist nur eine kleine Geschichte, aber sie zeigt etwas. Die Anwohner der Dr.-Kopp-Straße haben nicht auf fremde Hilfe gewartet, sondern die Dinge einfach in die Hand genommen. Natürlich war es nicht ganz legal, eine provisorische Bank auf fremden Grund aufzustellen. Aber hier trifft die alte Weisheit zu: „Wer viel fragt, geht viel irr“. Manchmal muss man Fakten schaffen. Eine solche Ermunterung zur „Raumaneignung“ würde in Griechenland oder Italien vermutlich belächelt. Dort ist so etwas Normalität. Bei uns ist das anders, denn Deutschland findet drinnen statt. Das ist schade. Die Eroberung der freien Plätze, Nischen und Grünzonen durch die Bürger steht erst bevor. Unserer Gemeinschaftskultur wird es guttun. Und dabei spielt uns sogar die Klimaerwärmung in die Karten. Auf nach draußen!

Ach ja, vor wenigen Wochen wurde ein paar Straßenzüge weiter eine zweite Bank fertiggestellt. Ebenfalls auf Initiative der Mieter, ebenfalls unterstützt durch die Stadt Fulda und der Wohnungsgesellschaft GWH. Dass all das keine Strohfeuer sind, zeigt sich an den Patenschaften, die die Anwohner bei der ersten Bank übernommen haben: Der eine leert die Mülleimer, der andere schwingt das Laubgebläse, der dritte füllt den Hundekot-Tütenspender auf. Und auch die Blumenkübel rund um die Bänke haben den trockenen Sommer schadlos überstanden. Das alles klappt seit einem Jahr. „Man muss mit den Leuten reden, von selbst geht nichts“, sagt Johann Dolheimer. Eben. Und deshalb braucht es in allen Quartieren einen wie ihn.

 

Zurück