Verloren im Olivenhain

Je mehr wir davon sehen, desto leichter schauen wir darüber hinweg: Die Fotos von hoffnungslos überfüllten Booten in Seenot berühren kaum noch.

Unser durch Medieneinschläge ausgedünntes Fell wird schnell wieder dicker. Und so zeugt auch die gegenwärtige Flüchtlingsdebatte mehr von der Sorge um unser eigenes Land und unsere eigene Sicherheit als von der Sorge um die Menschen, die ihre zerfetzten Städte verlassen mussten. Die Fuldaer Katja Ecker, Dr. Wolfgang Hautum sowie Colette und Felix Döppner konnten sich damit nicht abfinden. Sie flogen auf die griechische Insel Lesbos, um vor Ort die brenzlige Situation zu erkunden. Und um Hand anzulegen. Katja Ecker hat ihre Eindrücke im Tagebuch festgehalten. Hier einige Auszüge:

Noch fühlt es sich wie Urlaub an. Doch für den Weiterflug auf die Insel checkt ein Team der spanischen Feuerwehr mit uns ein, ausgebildete Rettungsschwimmer. Eine erste Ahnung beschleicht uns, dass uns vielleicht Dinge erwarten, die wir lieber nicht sehen wollen. Wieder zu Hause werden wir erfahren, dass die Küstenwache drei der spanischen Rettungsschwimmer verhaftet und der griechischen Staatsanwaltschaft vorgeführt hat, weil sie Flüchtlinge aus türkischen Gewässern in Sicherheit bringen wollten. Wir sind sprachlos.

In einem ehemaligen Olivenhain haben Freiwillige aus der ganzen Welt das Flüchtlingscamp Moria gegründet. Der Olivenhain ist kaum noch als solcher zu erkennen. Es ist kalt und nass, der Boden verschlammt. Auf dem steilen Hang stehen weiße Rundzelte, durchnässt und vom Wind eingedrückt. Überall liegen nasse Schlafsäcke und Bekleidung herum, dazwischen Müll. Ein Kind weint. Neben uns wickelt eine Frau einen Säugling auf dem kalten Boden.

Eine Frau aus Afghanistan, vielleicht 70 Jahre oder älter, links und rechts eine prall gefüllte Plastiktüte in den Händen, versucht mit ihrer vorauseilenden Familie auf der Suche nach einem Schlafplatz Schritt zu halten. Auf dem steilen, nassen Hang bewegt sie sich langsam und unsicher. Spontan reiche ich ihr meinen Arm, trage ihre Tüten; Hand in Hand gehen wir schweigend nebeneinander her. Sie blickt mich an. Verwirrt, dankbar, erwartungsvoll. Wir finden kein freies Zelt und auch keine Ansprechpartner beim UNHCR. Die Familie irrt weiter durch das Camp. Ich kann nicht helfen und lasse ihre Hand los. Ich fühle mich furchtbar.

Die Selbstverständlichkeit, mit der hier in Moria direkte Hilfe von Mensch zu Mensch geleistet wird, berührt. Es ist gut, in all der Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit um uns herum auch diese Seite zu sehen.

Unser nächstes Ziel ist der idyllische Fischerort Skala Sikaminias an der Nordküste, ein beliebter Touristenort mit beschaulichen Cafés und einem malerischen kleinen Hafen. Reste zerstörter Schlauchboote und leuchtende Schwimmwesten zwischen den Steinen zeugen von den Szenen, die sich hier abgespielt haben. Schwer vorstellbar, dass an diesem circa 20 Kilometer breiten Küstenabschnitt inzwischen rund 300.000 Menschen an Land gegangen sind.

Die Überfahrt auf einem der Ausflugsboote zwischen der Türkei und Griechenland kostet 20 Euro – Kaffee inklusive. Den Menschen auf der Flucht ist diese Möglichkeit verwehrt. Sie zahlen auf der gleichen Strecke für eine Fahrt in einem überfüllten Schlauchboot bis zu 3.000 Euro – ohne Garantie auf eine sichere Ankunft.

Später werden wir erfahren, dass die Schlepper einen Preisnachlass gewähren, wenn sich jemand auch bei rauer See auf die Boote wagt. So bricht auch bei schlechtem Wetter das Geschäft nicht völlig ein.

Liebe Menschen auf der Flucht und auf der Suche nach einem guten Leben: Wir haben euch auf der Hälfte eures Weges getroffen. Wenn ihr es bis in unsere Heimat schaffen solltet, freuen wir uns auf ein Wiedersehen. Ihr werdet euch an unsere Art zu leben gewöhnen müssen. Vieles wird euch verwirrend und vielleicht merkwürdig erscheinen. Ihr werdet nicht nur freundlich empfangen werden. Unser Land hat gerade viel mit sich selbst zu tun. Die Gesellschaft spaltet sich, unverhohlener Hass wird salonfähig. Das Handeln der politisch Verantwortlichen erscheint oft kopflos und inkonsequent. Und auch Europa, auf das ihr eure Hoffnungen gesetzt habt, zeigt sich weder gemeinschaftlich noch handlungsfähig. Die humanitäre Lage im Lager Moria und anderswo ist ein beschämender Beweis dafür. Wir wünschen uns und euch den zivilgesellschaftlichen Geist und die unbürokratische Energie der Initiative „Better Days for Moria“ für alle Aufgaben, die es jetzt gemeinsam zu lösen gilt. Wir sehen uns in Deutschland. Gute Reise.

„Better Days for Moria“ im Internet: www.betterdaysformoria.com

von Katja Ecker

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