Zur Jugend gehört es, Grenzen zu Testen

Christoph Mangelsdorf wirkt ruhig und ernst, sein Blick bisweilen streng.
Für einen 16-Jährigen ist es nicht gerade angenehm, im Fuldaer Amtsgericht zu ihm aufschauen zu müssen.
Dabei nutzt Mangelsdorf sein Richteramt auch gezielt dazu, Jugendliche wieder in die Spur zu bringen. „Richten“ im Sinne des Jugendstrafrechts heißt: etwas wieder geradezurichten.
Im SeitenWechsel-Gespräch gibt er Einblick in seinen Berufsalltag.

 

 

 

SeitenWechsel-Magazin: Was muss man anstellen, um vor Ihrem Richterstuhl zu erscheinen? Genügt ein Ladendiebstahl?

Wenn ein Ladendetektiv einen Diebstahl beobachtet, versucht er den Jugendlichen festzuhalten. Er wird gebeten mitzukommen, hat hoffentlich ein schlechtes Gewissen und geht mit. Dann werden die Eltern und die Polizei angerufen, später wird die Staatsanwaltschaft informiert. Die hat verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Der klassische Weg: Er bekommt Arbeitsstunden auferlegt. Dann kommt der Fall nicht vor Gericht. Er bekommt gesagt: „Es ist keine große Straftat, aber es ist eine und sie darf sich nicht wiederholen!“ Je nachdem, wie dreist der Diebstahl und wie teuer das Gestohlene war, muss er zwischen zehn und dreißig Stunden ableisten, zum Beispiel im Heimattiergarten Käfige säubern oder in der Jugendherberge bei Reinigungsarbeiten helfen.

 

Wenn er sich verweigert?

Wenn es sich um ein Päckchen Zigaretten handelt, stellt sich die Frage: Wie weit wollen wir das treiben? Wenn er die zehn Arbeitsstunden nicht ableistet, wird er von der Jugendhilfe ermahnt. Macht er sie immer noch nicht, wird von der Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Es geht vor den Jugendrichter. Ich kann noch mal über die Jugendhilfe die Erziehungsberechtigten einschalten, dann hat er noch mal eine Chance und das Verfahren wird eingestellt. Kommt es zur Verhandlung, kommen fünf Stunden drauf. Das klingt nach nicht viel, aber es ist ein Samstag und der kann sich ziehen. Arbeitet er es jetzt ab, kann ich das Verfahren immer noch einstellen, sonst kommt es zum Urteil. Irgendwann verhänge ich Beugearrest. Der kann über ein Wochenende gehen. Aber meist ist die Einsicht da.

 

Sie haben mal gesagt, dass ein bisschen Kriminalität zum Jugendlich-Sein dazugehört.

Natürlich sind Jugendliche nicht generell kriminell. Zur Jugendzeit gehört aber, sich auszuprobieren und Grenzen zu suchen: Was passiert, wenn ich mich da jetzt nicht dran halte? Solches nichtkonforme Verhalten ist völlig normal. „Straftat“ ist ein großer Begriff. Im kleinen Bereich wird jeder als Jugendlicher mal über die Stränge geschlagen haben: Diebstahl, Beleidigungen, Körperverletzung, Kiffen, Fahren ohne Fahrerlaubnis – das sind die jugendtypischen Delikte, die man nicht überdramatisieren darf. Wichtig ist, darauf zu reagieren. Wenn jemand die siebte Schachtel Zigaretten geklaut hat, viermal erwischt wurde, aber außer einem Mahnschreiben ist nie etwas passiert, ist das natürlich schlecht. Aber wenn einer gleich auf einen ganz strengen Polizeibeamten und einen ebenso strengen Richter trifft, die beide meinen, beim ersten Mal müsse richtig hart durchgegriffen werden, kann das auch negativ prägen. Wir wollen ja keine Duckmäuser erziehen.
Man bekommt im Jugendrecht immer eine Chance, auch eine zweite und dritte, wenn es Gründe dafür gibt. Zur Jugend gehört es, Grenzen zu testen, aber auch der Lernprozess, zu sagen: „Ok, ich habe Fehler gemacht.“ Im Prozess kommt es sehr gut, wenn jemand sagt: „Ja, es war so; das stimmt, das stimmt nicht.“ Wichtig ist auch, dass es episodenhaft ist. Wer mit 25 noch auf dem Trip ist: Ich muss mich ausprobieren! ‒ da ist was falsch gelaufen.

 

Spielt der Bildungsgrad eine Rolle?

Das Ausprobieren ist durch alle Schichten gleich verteilt. Es gibt zwar starke Unterschiede, welche Straftaten von wem begangen werden, etwa bei Jungen oder Mädchen oder bei der schulischen Entwicklung. Aber es betrifft nicht die Schwere der Delikte. Es ist keineswegs so, dass Gymnasiasten weniger schwere Delikte begehen ‒ nur andere. Körperverletzung ist unter Gymnasiasten relativ selten, die haben viel fiesere Methoden. Mobbing schmerzt genauso, ist aber meist viel schwerer herauszukriegen.

 

Wie viel Zeit haben sie für einen Fall? 

Bei leichten Fällen benötige ich zwischen zwanzig und dreißig Minuten, bei schweren Fällen im Schöffengericht können es mehrere Sitzungstage werden.

 

Kann man einem Jugendlichen in nur zwanzig Minuten auf den Grund schauen?

Dafür habe ich die Spezialisten von der Jugendhilfe der Stadt und des Landkreises Fulda. Ich muss mir in der Verhandlung ein Bild von ihm machen, aber so, wie er vor mir erscheint, ist er wahrscheinlich nicht in der freien Wildbahn. Es gibt Fälle, bei denen ich im Nachhinein gestehen muss, dass ich von Anfang an hätte anders reagieren müssen. Es gibt aber auch sehr viele Fälle, bei denen die Jugendlichen nie mehr auftauchen. Da war das Vorgehen offenbar genau richtig.

 

Haben Jugendliche immer den nötigen Respekt vor dem Richter?

Ich lege gar nicht so viel Wert auf großen Respekt. Dass Jugendliche das Gericht missachten, ist selten. Dass Jugendliche ängstlich oder unterwürfig reagieren, ist auch selten. Das ist meines Erachtens auch nicht die richtige Haltung. Die sollen wissen: Jetzt passiert was mit mir und vielleicht mit meinem Leben, ich warte ab und versuche, mich zu erklären. Von Unterwürfigkeit halte ich nichts. Jugendliche sollen ja Selbstbewusstsein aufbauen. Wenn ein Jugendlicher mit Basecap zurückgelehnt dasitzt, Jacke bis obenhin zu und Kaugummi kaut, sage ich ihm: „Das dauert jetzt ein bisschen, der Raum ist schön warm, zieh doch mal deine Jacke aus. Die Kappe muss auch nicht sein, das haben wir hier nicht so gern. Und mit Kaugummi verstehe ich dich schlecht.“ Ich habe noch nie erlebt, dass sich einer geweigert hat.

 

Stehen alle auf, wenn Sie hereinkommen?

Ich habe noch nie erlebt, dass jemand demonstrativ sitzen blieb. Es geht auch nicht darum, Respekt vor dem Richter zu zeigen, sondern vor der Situation. Wir urteilen im Namen des Volkes. Es handelt sich nicht um eine Privatveranstaltung des Herrn Mangelsdorf. Es geht darum, Verantwortung vor der Gesellschaft zu tragen. Die Gesellschaft will nicht, dass man stiehlt, deswegen wird der Diebstahl hier verhandelt. Es muss eine ernste Situation sein, sachlich geprägt, bei der auch gebohrt wird. Und beim Bohren kann's wehtun. Alles wird aufgedeckt. Ich verhandele ja auch Sexualdelikte wie Vergewaltigungen, Raub, Körperverletzungen. Ich hatte Fälle mit bleibenden Schäden wie einem ausgeschlagenen Auge. Da verbietet sich jede Nettigkeit und Lustigkeit im Gerichtssaal, das muss ernst und sachlich verhandelt werden.

 

Die Situation der Jugend hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Kinder, deren Eltern den Krieg erlebt hatten, mussten viel schärfere Konflikte austragen. Haben Jugendliche es heute leichter?

Es ist schwieriger, Abgrenzungen zu den Eltern zu finden. Das Autoritätsgefälle ist nicht mehr da. In Bereichen wie Musik oder Film gibt es vieles, das Jugendliche und deren Eltern gleichermaßen interessiert. Mit kulturellen Vorlieben kann man Eltern kaum mehr provozieren. Die fanden Punk oder Vergleichbares vielleicht auch mal ganz gut. Viele Eltern versuchen sogar, sich modisch an der Jugend zu orientieren.

 

Wenn man sich die Lebensgeschichte von verhaltensgestörten Jugendlichen anschaut, wie desolat sie aufwuchsen, oft mit schwersten Misshandlungen: Sitzen da nicht die Falschen auf der Anklagebank? 

Die Anklage betrifft die Straftat und nicht das Leben. Das muss man auch den Jugendlichen klarmachen: Du sitzt hier, weil du einen bestimmten Fehler gemacht hast, nicht, weil in deinem Leben viel schiefgelaufen ist. Die Jugendhilfe führt vor der Verhandlung ein sehr langes Gespräch, manchmal mehrere. Ich bekomme dann einen langen, schriftlichen Bericht. Da sind alle Informationen zu Elternhaus und Schule zusammengetragen. Er endet mit einem Vorschlag der Jugendhilfe. Dieser Bericht steht im Zentrum der Verhandlung, das schätze ich am Jugendrecht. Manchmal dreht sich die Hälfte der Verhandlung um genau diese Fragen: Was können wir machen? Wie kann noch mal versucht werden, den Jugendlichen einzubinden? Ihm selbst wird klar gemacht: Wir versuchen dir zu helfen! Es werden zum Beispiel Weisungen ausgesprochen, die mit der Straftat nichts zu tun haben. Klassischer Fall: Der Jugendliche trinkt gerne, neigt zu Körperverletzung und er bekommt zusätzlich die Weisung, an einem Bewerbungstraining teilzunehmen. Das hat mit der Körperverletzung nichts zu tun, aber mit einem Arbeitsplatz wären seine Probleme weitgehend gelöst. Entsprechend weniger Arbeitsstunden muss er leisten.
Wir haben mitunter Jugendberichte, die einen erschrecken lassen. Da ist schwer zu sagen, wie ich helfen soll. Der Jugendrichter allein kann es nicht richten.

 

Geht es nur um den Täter oder auch um das Opfer?

Wir haben auch den „Tatausgleich im Strafverfahren“, das ist ein Gespräch zwischen Täter und Geschädigtem. Dabei soll zum Beispiel geklärt werden: Warum hat er zugeschlagen, warum gerade ihn? Möchte er es wiedergutmachen und sich auch privat entschuldigen? Ein solches Gespräch kann ich als Auflage machen, das hat einen sehr hohen Erfolgswert. Der Täter muss sich dabei richtig nackt machen. Der Erfolg ist, dass der Geschädigte mit einem guten Gefühl aus der Verhandlung geht. Als Zeuge wird er tausend unangenehme Dinge gefragt, bekommt vielleicht nicht mal das Urteil mit und hat das Gefühl, nur einen weiteren Tag bei einer Behörde verbracht zu haben. Das ist kein gutes Gefühl. Beim Tatausgleichsgespräch wird die Sache geradegerückt. Der Geschädigte wird in seiner Furcht ernst genommen, erneut geschädigt zu werden. Und der Täter kann etwas gutmachen. Das ist eine tolle Geschichte.


Ist es manchmal schwer, den Schuldigen zu ermitteln?

Schlägereien, Körperverletzungen, gehören zum Schwierigsten, was ich zu verhandeln habe. Ein klares Richtig und Falsch gibt es oft nicht. Meist gab es eine Vorgeschichte, oft spielt Alkohol eine Rolle. Vielleicht hatten sie zuvor schon mal Streit, vielleicht wurde handgreiflich gedroht, sodass man nicht sagen kann, der Schlag fiel aus heiterem Himmel. Oft kommt es zu einer Beleidigung und der andere schlägt zu. Genau das ist der Punkt: Man muss nicht jede Beleidigung klären, man muss sich nicht jeden Schuh anziehen, der da herumsteht.

 

Haben sich in Ihrer Zeit als Richter die Themen verändert?

Neu dazugekommen ist alles, was mit dem Internet zu tun hat, zum Beispiel Ebay-Betrügereien. Es ist unglaublich, wie leicht das funktioniert. Aber diese Art der Geldbeschaffung klappt maximal ein Vierteljahr. Manche Heranwachsende haben dreißig- bis fünfzigmal betrogen, immer nach demselben Prinzip: Die Ware ist nie vorhanden gewesen. Dann Straftaten, die mit Internet und Sexualdelikten zu tun haben. Im Rahmen von einem Chat werden Mädchen aufgefordert, ein Nacktfoto zu schicken. Machen sie es, kommt die Drohung: Es wird an alle deine Freunde weitergesendet, wenn du nicht irgendeine bestimmte Tat, meist eine sexuelle Handlung, begehst. Oder das Herunterladen von Gewaltvideos oder Kinderpornografie, was bei Jugendlichen in der Regel dazu dient, sich gegenseitig zu schocken. Oder Mobbing über soziale Medien. All das hat in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen. Den Gruppendruck, der etwa bei WhatsApp-Gruppen entsteht, darf man nicht unterschätzen. Da kann man sich oft gar nicht wehren.

 

Hat die Kriminalität durch das Internet zugenommen?

Das ist schwer zu beantworten. Es gibt neuartige Delikte, andere werden vielleicht nicht mehr begangen. Internetstraftaten sind gut verfolgbar und werden gerne angezeigt. Auch Körperverletzungen: Die Schulen sind verpflichtet anzuzeigen, wenn es Verletzungen gegeben hat. Wenn es auf einem Dorffest eine Schlägerei geben hat, wird das nicht unbedingt angezeigt. Die Frage, ob Straftaten angezeigt werden oder nicht, ist ganz wichtig bei der Beurteilung der Kriminalitätsrate.

 

 Stehen Eltern heute zu sehr auf der Seite ihrer Kinder und schalten gleich den Anwalt ein?

Letzteres kann ich nicht bestätigen. Bezüglich der Eltern erlebe ich einen bunten Strauß an Verhaltensweisen. Die Jugendhilfe berichtet oft von Fällen, wo der Jugendliche nach einem Vorfall von den Eltern sehr hart rangenommen wird mit Hausarrest, Handyverbot und Hausarbeit. Was ich aber oft erlebe: Eltern haben Angst, dass ihrem Kind die Zukunft verbaut wird. Ihr Kind will eine Ausbildung anfangen und jetzt diese Straftat! Aus diesem Grund wird dann ein Anwalt eingeschaltet. Da kann ich aber meistens beruhigen. Das Jugendrecht sieht vor, dass es möglichst keinen Eintrag gibt oder einen, der schnell gelöscht wird. Es steht dann nichts im Führungszeugnis.

 

Hat Sie das Jugendrecht von Anfang an interessiert?

Schon im Studium fand ich die Vorlesungen dazu besonders spannend. Es ist in der Praxis besonders interessant, weil es erzieherische Möglichkeiten bietet. Im Erwachsenenrecht gibt es fast ausschließlich Geld- oder Freiheitsstrafe.

 

Wer Sie bei Gericht erlebt, kann sich kaum vorstellen, wie Sie aus sich herausgehen, wenn Sie ein Saxophon in der Hand haben. Wie geht das zusammen?

Musik ist für mich eine Möglichkeit, abzuschalten und auf einem ganz anderen Gebiet kreativ zu sein. Ich spiele Saxophon, um den Kopf freizubekommen. Das beginnt schon bei Ansatzübungen oder Tonleitern. Da denke ich nur an meine Atemtechnik, an den Sound. Das tut mir sehr gut und ich kann es gezielt einsetzen. Wenn ich mich über etwas fürchterlich geärgert habe, kann ich umschalten und bin danach gelassener, komme zu einer anderen Sichtweise.

Der andere Punkt ist der kreative Prozess: Stücke zu schreiben mit meinen Freunden, Konzerte vorzubereiten, vor allem das gemeinsame Spielen und Improvisieren. Ich bin Freejazzer, da ist es entscheidend, aufeinander zu hören und aufeinander einzugehen. Das ist ein Quell für neue Ideen auf allen Ebenen.

 

Sind sie der Kopf des Quartetts?

Ich habe Outside 1990 zunächst als Projekt gegründet, und sehr bald ist der zweite Saxophonist Wolfgang Schoberth eingestiegen. Wir sind seitdem der Kern mit wechselnden Musikern.

 

Welches sind Ihre Vorbilder?

Art Pepper, Ornette Coleman, Sonny Rollins und John Zorn: Mit ihnen habe ich mich sehr intensiv beschäftigt. Die Jazzgeschichte ist uns sehr wichtig in allen Facetten.

 

Das Gespräch führten Erika Mechler, Hanno Henkel und Arnulf Müller

 

 

Wer Chriostoph Mangelsdorf mit Outside4 live on stage erleben will:

Mittwoch, 13. Mai 2020/ 20.00 Uhr im Backstage / Lindenstraße 38/ 36037 Fulda

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